Alken

Kampf um Alken, März 1945

Erstellt: Dienstag, 08. Februar 2011 20:51

Im Winter 1944/45 versuchte die deutsche Heeresleitung die letzten Kräfte zu bündeln und mit der "Ardennenoffensive" und der "Operation Nordwind" die Allierten im Westen zurückzuschlagen. Zur Vorbereitung der Offensive waren auch Truppenverlegungen an der Mosel zu beobachten:

"Das Brummen der Fliegerverbände vergesse ich nicht. Sie kamen über die Burg und tauchten ins Moseltal ab, um einen Zug gegenüber von Alken anzugreifen. Der Zug hatte ein rotes Kreuz, aber bestimmt war es Soldatennachschub für die Front. Der Fährmann brachte die Verwundeteten nach Alken und reihte sie im Vorgelände zum Abtransport auf."

"Ich kann mich an einen Angriff der Amerikaner auf einen Personenzug am Schieferbergwerk Ausoniusstein erinnern. Deutsche auf dem Weg zur Westfront. Die Flieger warfen keine Bomben, sie durchsiebten die Waggons mit Ihren Maschinenkannonen. In Oberfell regnete es Hülsen. Ins Mühltal gegenüber fielen Bomben. Bei einer Bombe auf die Alkener Lay zersprang durch den Luftdruck ein Schaufenster in der Wiltbergstrasse." , so eine weiterere Augenzeugin, "der Krieg war in Alken angekommen!"

Nach dem Scheitern der letzten Westoffensive Ende Januar 1945 waren die Deutschen Truppen gezwungen sich nach Deutschland zurück zuziehen. Die amerikanischen Streitkräfte konnten aufgrund ihrer starken Lufüberlegenheit nicht mehr aufgehalten werden und näherten sich einer natürlichen Grenze, der Mosel. Alken wurde zur Durchgangsstation für die zurückflutenden deutschen Truppen in Richtung Rhein und bereitete sich auf die Verteidigung vor.

Am 08. März 1945 entschied der amerikanische General Georg S. Patton mit dem XII. Korps einen Vorstoß südwestlich von Koblenz über die Mosel in Richtung Boppard zu unternehmen. Hierzu sollte die 90. US-Infanterie-Division südlich von Löf und südlich von Kattenes über die Mosel setzten. Zur Kampfunterstützung bezogen auf den Höhen des Maifeldes (oberhalb von Kobern-Gondorf) schwere US-Geschütze Stellung.[1]

Auf deutscher Seite erhielt am 9. März 1945 die 6. SS Gebirgs-Division "Nord" den Auftrag eine Abwehrstellung südlich Koblenz und westlich von Boppard aufzubauen. Diese Division war seit Anfang 1945 in der "Operation Nordwind" eingesetzt, nachdem sie bis Oktober 1944 Teil der finnisch-deutschen Front am Polarkreis gewesen war.

Ein Vorauskommando der Division erreichte am 12. März 1945 Alken. Der Alkener Dorfschullehrer Albert Maleweski schrieb hierzu, das die jungen Soldaten nach fünftägigem Marsch mit Kampfhandlungen sehr abgehetzt waren und nur noch schlafen wollten.[2]

Die Gruppe wurde im Kochschulkeller der alten Schule untergebracht. Wenige Tage zuvor war auch der Volkssturm in die alte Schule beordert worden. Ihnen wurde die Aufgabe erteilt, Verteidigungsstellungen in Alken auszuheben. Die Fähre und der Fährmast wurden, um den Übergang über die Mosel zu erschweren, von Pionieren gesprengt.

Übergang amerikanischer Truppen über die Mosel, bei Kobern 14. März 1945. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2010-0029 / Fotograf: o.Ang.
Übergang amerikanischer Truppen über die Mosel, bei Kobern 14. März 1945.
Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2010-0029 / Fotograf: unbekannt.

Augenzeugen berichten: "Auf der Löfer und der Katteneser Höhe tauchen Männer auf. Die SS sagt, es sind Waldarbeiter. Franz Josef Becker bringt die Post nach Brodenbach aufs Amt. Kurz vor Brodenbach eröffnen die Waldarbeiter das Feuer. Eine Frau stirbt durch einen Kopfschuss, Franz Josef erleidet einen Durchschuss im Bein. Er kommt in ein Notlazarett in die alte Schule Brodenbach. Ein Stein in der Mauer erinnert noch an die Frau. Die Frontlinie steht gegenüber. Die Amis sind da, die SS erwidert das Feuer."

In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1945 setzte das 357. Regiment der 90. US-Infanterie-Division mit massiver Artillerieunterstützung in Höhe der heutigen "Löferbrücke" über die Mosel. Aus der Divisionsgeschichte der 90. US-Inf. Division: "Der Feind rechnete mit einem Übergang, was nichts daran änderte, dass er Ihn nicht verhindern konnte, als er am Morgen des 14.03. um 02.00 Uhr anlief. Nur vereinzeltes Feuer aus Handfeuer- und Maschinenwaffen begrüßte das 357. Reg., als es in Sturmbooten lautlos über das Gewässer glitt. Am Südufer der Mosel tauchten verschwommen Höhen auf, Höhen die vor Tagesanbruch zu nehmen waren, wenn dem Gegner die Sicht auf die Übergangsstellen verwehrt werden sollte."[3]

"Vom vom Katteneser Berg herab, eröffnete die Amerikanische Artillerie das Feuer. Durch Phosphorgeschosse ging die Burg in Flammen auf. Auch die alte Mühle und Einschläge im Weinberg brannte tagelang. Heute sieht man nichts mehr davon, aber jedes Haus der Moselfront wurde getroffen. Die Scheune vom Bäcker Becker wurde zerstört; der Fachwerkgiebel bei Schnee´s Gasthaus (heute Landhaus Müller) einfach weggeschossen.", so Augenzeugen.

Der Albert Malewski berichtete hierzu: "Unheimliche Stille, die Einwohner lagen in zum Teil sicheren Kellern. Ich blieb mit meiner Frau und Tochter im Schulkeller. Die Gegend war vernebelt. Mit Pontons hatten die Amerikaner von der Löfer Gegend über die Mosel gesetzt. Gewehr- und MG Feuer ließen uns gegen 2 Uhr nachts aufhorchen. Als ein Melder aufgeregt erschien und nach der Unterkunft der Soldaten fragte, pfiffen schon die Kugeln um die Schule. In aller Hast sind die Soldaten zum Gefecht angetreten. Ein MG feuerte in nächster Entfernung der Schule. Stimmengewirr und Getrampel auf dem Schulpflaster. Die Scheiben der Schultür flogen ein. Ich ging mit einem weißen Handtuch und einem Kerzenstummel hinaus und stand etwa 6 Amerikanern gegenüber, alle mit Maschinepistolen bewaffnet. Sie fragten mich: ,Nix deutsche Soldaten, auch in Kirche?'" [4]

Augenzeugen berichten: "Nachts hörte man Bomberverbände dröhnen. Sie warfen Christbäume ab, das waren Lichter, damit die Bomber sehen konnten, wo sie ihre Bomben abwerfen mußten. Keine Straßenlaterne brannte. Wir hängten Nachts die Fenster zu, da auf jedes Licht geschossen wurde. Die Amerikaner kamen aus der Mark durch die Fallerport. Es waren viele, gegen wenige Deutsche. Die SS lagerte im Gemeindehaus (Schule) und wurde schnell in den Ort gedrängt. Der Straßenkampf dauerte 3 Tage. Auch in den Häusern wurde geschossen. Der Amerikaner schoss von Höhe Oberstr. auf die letzten Deutschen vor unserem Haus. Fenster, Türen sogar Wände und Treppenstufen aus Stein wurden durchsiebt... wie durch ein Wunder giab es unter den Alkenern keine Toten. Unter den Soldaten sah es anders aus. Überall lagen Tote und Verwundete; einige Amis und viele Deutsche."

Ein weiterer Augenzeuge ergänzte: "Vor dem Einfall der Amerikaner, sorgte der Volkssturm unter Edels Pitter und Krullese Pitter für Panzersperren. In die Moselstraße wurde ein Loch gegraben. Mit Baumstämmen und Brocken aus dem Steinbruch wurde von der Mosel bis in unser Gasthaus zur Post eine Sperre gebaut. In der Mitte nur eine Durchfahrt für den Opel Blitz. Für Panzer war das aber nix. Als die anrückten, saß Edels Pitter mit einer alten Flinte auf dem Haufen und rief: Bleib stehn oder ich schieß Dich aus den Lumpen!" Ein schwarzer Amerikaner sagte, er solle nach Hause gehen und schob (mit seinem Fahrzeug) die Sperre einfach weg. Vor Brachtendorfs in der Allee stand noch monatelang eine kaputter amerikanischer Panzer. Als Alken eingenommen wurde, waren wir im Keller des Gasthauses. Oma, mein Bruder und ich hörten oben im Saal die Amerikaner. Wir erkannten sie an den quietschenden Sohlen. Die deutschen Nagelschuhe konnte man leicht von den Leisetretern unterscheiden.Sie kamen in den Keller und suchen auch hinter den Fässern nach deutschen Soldaten. Wir Kinder bekamen Schokolade..."

Alken, Fallerport. Quelle: IHA Best03-0017Der Alkener Pfarrer Ludwig Ebenau fügte hinzu: "In der Nacht hörten wir überall Geschützdonner. Thurandt ging in Flammen auf. In der Oberstr., in der Nähe des Malteserhauses, hielt sich eine MG Stellung bis ca. 4 Uhr. Im Kampf fiel ein Amerikaner am Fallerport und ein SS Soldat in der Nähe der Schule. Von der Alkener Bevölkerung wurde keiner getötet, nur vier verletzt."[5]

 

 

 

Alken, Fallerport. Quelle: IHA Best03-0017

Die Amerikaner bauten den Brückenkopf am nächsten Morgen zu einer Pontonbrücke aus und führten weitere Bataillone mit schwerem Material zur Verstärkung heran. Aus der Divisionsgeschichte der 90. US-Inf. Division: "Im Schutz der Dunkelheit arbeiteten sich die Männer die steilen Hänge der beherrschenden Höhen hinauf, wobei sie sich an Büschen, Baumwurzeln, Felsblöcken und Grasbüscheln Halt suchten. Am Morgengrauen waren die Hügel genommen. Trotz starker Gegenwehr mussten sich Herschwiesen, Oppenhausen und Alken dem 357. Rgt. ergeben."[6]

Den deutschen Soldaten blieb nur der Rückzug. Der massiven amerikanischen Überlegenheit hatten sie nicht entgegenzusetzen. Sie zogen sich durchs Alkener Bachtal in Richtung Pfaffenheck zurück.

Die Schäden des Artilleriebeschusses sind heute noch in Alken an der neuen Kirche und am zerstörten Herrenhaus der Burg Thurant zu sehen. Tote gab es in der Alkener Bevölkerung nicht zu beklagen, aber vier Menschen wurden verletzt. In Alken fielen folgende deutsche Soldaten: Wilhelm Hafner (Matterdingen), Franz Jedinger (St.Georgen), Josef Markardt (Verhany, Ungarn) und ein unbekannter Soldat. [7] Die amerikanischen Verluste sind nicht genau bekannt.

Brennende Burg Thurandt am 14.3.1945. Quelle: Landesamt für Geobasisinformation RLP, GeoBasis-DE/LVermGeoRP2011-03-10
Brennende Burg Thurandt am 14.3.1945.
Quelle: Landesamt für Geobasisinformation RLP, GeoBasis-DE/LVermGeoRP2011-03-10

Im Kriegstagebuch des Oberkommando des Heeres vom 14. März wurde hierzu vermerkt: "Nach einer Meldung von heute Morgen ist der Gegner bereits über die Mosel herübergekommen; jedoch ist unklar, ob es sich um starke Kräfte Handel. Jedenfalls bahnt sich eine neue Krise an. Zum Entsatz werden herangezogen die ganze 6. SS Div. und die 559. Inf. Div.."[8]

Inzwischen war auch das SS-Gebirgs-Jäger-Regiment 11 aus dem Bereich Trier über die Hunsrück-Höhenstrasse in Waldesch angekommen. Das 1. Bataillon unter Befehl des Ritterkreuzträgers Günther Degen erhielt den Auftrag den amerikanischen Brückenkopf in Alken anzugreifen. Das Bataillon marschierte durch Wälder und Schluchten und traf im ersten Morgengrauen des 15. März am Schafskopf oberhalb von Alken ein. Die weiteren Ereignisse hielt der Chef der 1. Kompanie, Fritz Gehring, fest:

"Wir gehen die letzten 50 m auf einem dämmrigen Waldweg zum Berg hinab. Plötzlich stehen wir vor einem schweren Maschinengewehr und neun schlafenden Amerikanern in Schlafsäcken. Ich glaube, wir sind bleich geworden, doch handeln wir rasch.

Im Nu sind die Amis aus ihren Träumen wachgerüttelt und nach rückwärts geschafft. Die 1. Kompanie geht zum Angriff über und kämpft weitere Widerstandsnester nieder. Die anderen Kompanien schließen sich an. Der Berg ist unser. Leider fällt dabei als erster unser eigener Artilleriebeobachter (VB) im Nahkampf.

Kaum haben wir uns zur Verteidigung eingerichtet, geht der Zauber los. Der Amerikaner trommelt uns mit Werfern und Artillerie regelrecht zusammen. Zwei Panzer fahren unten auf der Straße auf und schießen, ohne dass wir sie bekämpfen können, unsere linke Waldstellung vollständig zusammen. Mit Hilfe unseres zweiten VB versuchten wir die Panzer durch unsere eigene Artillerie bekämpfen zu lassen, doch wir schafften es nicht. Es ist zum Heulen, wie ein Mann nach dem anderen ausfällt.

Am Nachmittag kommt es noch toller. Mit Unterstützung seiner schweren Waffen bricht der amerikanische Verband mit einem Panzer und mit Infanterie am rechten Flügel meiner Kompanie ein, überwalzt zwei Gruppen, ohne dass wir durch das dichte Unterholz zum Schuß kommen können. Stattdessen peitschen die Leuchtspurgeschosse des Panzers über uns hinweg, und die abgeschossenen Zweige regnen auf uns hernieder.

Auf einmal hört das Feuer auf. Dafür hörten wir plötzlich eine Lautsprecherstimme aus dem Panzer. Das "tapfere Bataillon Degen,wird in gebrochenem Deutsch aufgefordert , sich zu ergeben. Wir seien eingeschlossen und jeder weitere Widerstand sei sinnlos.

Ich kann diese Feuerpause ausnützen und mich wieder zur Kompanie zurückarbeiten, dann nehmen unsere MG das Feuer wieder auf. Allmählich wird unsere Lage hoffnungslos. Der Amerikaner wiederholt seine Angriffe, aber auch seine Aufforderung, sich zu ergeben. Der Raum wird enger, wir haben große Ausfälle und unsere Munition wird knapp.
Degen entschließt sich, mit Einbruch der Nacht den Schafskopf zu räumen und mit Resten des Bataillons nach Pfaffenheck zurück zukehren. Die Verbindung zu den im Raum Alken verbliebenen Soldaten konnte zwar hergestellt werden, und einige Gruppen konnten aufgenommen werden, aber der weitere Auftrag scheiterte an der Stärke des Gegners. Wir liegen abgeschnitten und eingekesselt im Rücken des Gegners.

Im Schutze der Nacht pieseln wir in Reihe durch eine Lücke in der feindlichen Front und Erreichen am frühen Morgen das Waldhaus Schiebigeich am Rande von Pfaffenheck. Hier werden wir uns der letzten Tage erst richtig bewusst. Nachdem die Leichtverwundeten der Kompanie zum Verbandsplatz gegangen sind, bleiben mir in der Kompanie noch 12 Mann und 8 MG 42."[9]

Porträt Günther Degen. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0118 / Fotograf: unbekannt

Seinen schweren Verwundungen erlag auch der Kommandeur des Bataillons Günther Degen am 15. März 1945 (siehe Foto: Porträt Günther Degen. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0118 / Fotograf: o.Ang.).

Die Kämpfe verlagerten sich von dem Zeitpunkt an nach Pfaffenheck. Hier liegen auch die Gefallen aus den Kämpfen um Alken auf einem kleinen Friedhof begraben (Kriegsgräberstätte Pfaffenheck). Ihrer und auch aller anderen Gefallenen wird jährlich zum Volkstrauertag gedacht.

Michael Spitz

 


Anmerkungen:


Weitere Literatur:

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok